The Walking Dead: Gruppenpsychologie



Wenngleich The Walking Dead den ein oder anderen interessanten Charakter aufzuweisen hat, ist es doch vor allem eine Serie über Gruppen. Hauptthema sind immer wieder Konflikte zwischen Gruppen, nicht nur zwischen Menschen und den sogenannten "Beißern", sondern vor allem auch zwischen den verschiedenen Gruppen von Menschen.
Vieles, was die psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte über Konflikte zwischen und Kommunikation innerhalb von Gruppen herausgefunden hat, lässt sich in The Walking Dead beobachten.

So kommt es beispielsweise immer wieder zum Phänomen des sogenannten Gruppendenkens (Groupthink). Damit wird die Tendenz innerhalb bestimmter sozialer Gruppen bezeichnet, die vorherrschende Meinung als alternativlos anzunehmen. Von der Mehrheitsmeinung abweichende Sichtweisen werden als illoyal abgetan, oder, häufiger, aus dem Bestreben weiterhin zur Gruppe zu gehören, gar nicht geäußert. Dadurch wird die Abwägung von Handlungsalternativen eingeschränkt und die objektive Abschätzung von Handlungsfolgen erschwert. Somit führt Gruppendenken häufiger zu übereilten, irrationalen und emotional beeinflussten Entscheidungen.
Begünstigende Faktoren für Gruppendenken sind die Abschottung der Gruppe nach Außen, das Fehlen von offiziellen Regeln und Gesetzen, ein dominanter Anführer und das Gefühl der Bedrohung durch Feinde von Außen.
In The Walking Dead sind alle Gruppen jeweils von den anderen abgeschottet, Regeln und Gesetze der Zivilisation gelten nicht mehr und die Bedrohung sowohl durch die Beißer, als auch durch andere Menschengruppen im Streit um Zufluchtsorte und Ressourcen ist allgegenwärtig. Folglich etablieren sich in den meisten Menschengruppen schnell dominante Anführer, deren Meinung sich die Gruppe immer wieder mehr oder weniger unkritisch anschließt, selbst wenn sie eigentlich nicht mit dem eigenen Wertesystem vereinbar sind.

Hier kommt ein weiterer psychologischer Gruppeneffekt ins Spiel: Das Motiv der Reduktion kognitiver Dissonanz. Als kognitive Dissonanz bezeichnet man das unangenehme innere Anspannungsgefühl, wenn die eigenen Gedanken, Meinungen, Einstellungen und Absichten miteinander unvereinbar sind. Menschen versuchen dann, durch Veränderung ihrer Gedanken oder Meinungen, diese wieder in Einklang zu bringen. So kommt es zum Beispiel dazu, dass Menschen, die der anderen Gruppe angehören, als gefährlich, unehrlich oder sogar unmenschlich verurteilt werden, um die Entscheidung zu rechtfertigen, sie auch Angst oder zum Schutz der eigenen Ressourcen zu töten.

Die Entscheidung darüber, wer bei alldem zur eigenen Gruppe gehört und wer als Feind angesehen wird, fällt bei The Walking Dead meist schnell und oft eher irrational. Wer von Anfang an dabei war, wird als vertrauenswürdig und loyal erlebt, während alle neuen Bekanntschaften zunächst einmal als Feinde gesehen werden, selbst wenn sie nach objektiven Kriterien (Herkunft, Sozialisation, Überzeugungen etc.) ebenso gut zur eigenen Gruppe gehören könnten.
Das Phänomen, dass bei Ressourcenknappheit oder einer gefühlten Bedrohung von Außen, bereits minimalste oder sogar völlig willkürliche Unterscheidungsmerkmale dazu führen, dass Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugt und Mitglieder der vermeintlich fremden Gruppe abgewertet und diskriminiert werden, wird als Minimalgruppen-Paradigma bezeichnet.

So geht die Gefahr in The Walking Dead in den meisten Fällen sehr viel weniger von den Beißern aus, als von den Menschen untereinander.

Die Lösung für dieses Problem bestünde, so postuliert es die gruppenpsychologische Kontakthypothese, in der gegenseitigen Annäherung und Kooperation der Gruppen: Wenn zwei Gruppen, die sich zunächst misstrauisch oder feindlich gegenüberstehen, gemeinsam an einem Ziel arbeiten, sich dabei als gleichwertig betrachten und die Kooperation von den jeweiligen Autoritäten gefördert wird, können Vorurteile und Ängste zwischen den Gruppen abgebaut werden. 

Doch bis das geschieht, bleibt der Mensch dem Menschen ein Beißer…

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