Last Samurai: Wie man wird, was man ist


Bevor Nathan Algren der letzte Samurai wurde, war er Captain in der US-amerikanischen Armee und Teilnehmer an den Indianerkriegen, in welchen er an grausamen Kriegsverbrechen beteiligt war.
Wie viele Kriegsheimkehrer (z.B. auch John Rambo) leidet er seitdem unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die durch die folgenden Kriterien definiert wird (ICD-10: F43.1):
  • Erlebnis von außergewöhnlicher Bedrohung, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde
  • Anhaltende Erinnerungen an das traumatische Erlebnis oder wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen
  • Innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen, Tendenz zur Vermeidung solcher Situationen
  • Teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an das belastende Erlebnis zu erinnern und/oder anhaltende Symptome erhöhter psychischer Sensitivität und Erregung

Der Krieg an sich stellt bereits eine außergewöhnliche Bedrohung und Belastung dar, hinzu kommen Nathans Schuldgefühle angesichts der Grausamkeiten, an denen er beteiligt war. In sich aufdrängenden Erinnerungen, sogenannten Flashbacks, durchlebt er die Ereignisse und Gefühle immer wieder neu.
Erschwerend kommt hinzu, dass Nathans Vergangenheit auch nach seiner Rückkehr aus dem Feld ständig präsent ist, gibt er doch allabendlich den stolzen Kriegsveteranen auf Verkaufsveranstaltungen eines Waffenherstellers, bzw. später den hochdekorierten Militärberater. Somit spielt er die Rolle, welche ihm so viel Leid und Schuldgefühle eingebracht hat, immer wieder aufs Neue.

Erinnerung, Flashbacks, Schuldgefühle und nicht zuletzt ein Dasein in einer innerlich zutiefst verachteten Identität erträgt Nathan nur im Rausch, welchen er sich durch Whisky zu verschaffen pflegt. Zum Zeitpunkt der Filmhandlung ist er bereits süchtig, das heißt, er leidet unter einem Alkoholabhängigkeitssyndrom. Für diese Diagnose müssen nach ICD-10 (F10.2) mindestens drei der folgenden Merkmale vorliegen, und zwar seit mindestens einem Monat:
  • Starkes Verlangen oder Zwang, die Substanz zu konsumieren
  • Verminderte Kontrolle über den Konsum oder erfolglose Versuche, den Substanzkonsum zu verringern oder zu kontrollieren
  • Körperliches Entzugssyndrom
  • Toleranzentwicklung: Bei fortgesetztem Konsum derselben Menge treten deutlich geringere Effekte auf
  • Aufgabe oder Vernachlässigung anderer Interessen. Hoher Zeitaufwand für die Beschaffung und den Konsum der Substanz
  • Anhaltender Substanzkonsum trotz schädlicher Folgen

So wie Nathan seine Uniform immer weiter tragen muss, obwohl er eigentlich schon längst kein Soldat mehr ist, verkörpert er äußerlich eine technokratische, imperialistische und megalomanische Ideologie, die längst nicht mehr die seine ist. Seine Uniform, sein ganzes Sein, ist eine leere Hülle. 
Diese äußere Hülle der Persönlichkeit nannte der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung Persona. Nach Jungs Auffassung entsteht eine umso stärkere innere Konfliktspannung, je weniger die Persona der inneren Persönlichkeit entspricht.
Diese innere Persönlichkeit, sozusagen sein wahres Ich, kann Nathan erst bei den Samurai entdecken, die ihm ein alternatives Wertesystem und andere Geisteshaltungen aufzeigen, als diejenigen mit denen er aufgewachsen ist und die sein ganzes bisheriges Leben bestimmt haben. Nachdem er unter schweren Entzugserscheinungen seine Alkoholsucht überwunden hat, begibt sich Nathan auf eine innere Reise zu sich selbst und beginnt sein wahres Ich zu entdecken. 
Diesen Weg zu sich selbst, der niemals wirklich abgeschlossen ist, nannte C. G. Jung Individuation oder Selbstwerdung und sah in dieser einen zentralen Aspekt psychotherapeutischer Behandlung. Wer ihn geht, muss, wie Nathan Algren, tief in die Abgründe der eigenen Seele blicken und vieles aufgeben, was vertraut war und alternativlos schien. Er wird jedoch, wie der letzte Samurai, eine ungeahnte Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln erlangen und immer mehr zu dem werden, der er wirklich ist. 

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