The Dark Knight: Joker


Der von Heath Ledger gespielte Joker im Film The Dark Knight, dem zweiten Teil der Dark Knight Trilogie, ist mit Sicherheit einer der faszinierendsten Bad Guys der Filmgeschichte. Seine Unberechenbarkeit, sein unbändiger Drang und scheinbar unerschöpflicher Antrieb zu Chaos und Zerstörung werden durch die Wucht ihrer Darstellung geradezu physisch spürbar.
Fast scheint der Joker kein Mensch mehr zu sein, sondern vielmehr die personifizierte Destruktivität, Murphys menschgewordendes Gesetz. Aber eben nur fast. Letztlich bleibt er doch ein Mensch, allerdings ein psychopathologisch höchst auffälliger.

In der Figur des Jokers manifestiert sich in extremer Weise das Bild einer Dissozialen Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.2). Hierunter versteht sich ein zeitlich und situativ stabiles Persönlichkeitsmuster, welches durch mindestens drei der folgenden Erlebens- und Verhaltensweisen geprägt ist:
  • Herzloses Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer
  • Deutliche und andauernde verantwortungslose Haltung und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen
  • Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen, obwohl keine Schwierigkeit besteht, sie einzugehen
  • Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, einschließlich gewalttätiges Verhalten
  • Fehlendes Schuldbewusstsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen
  • Deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen anzubieten für das Verhalten, durch welches die Betreffenden in Konflikt mit der Gesellschaft geraten sind

Wir finden beim Joker nicht nur die für die Diagnosestellung notwendigen drei, sondern gleich alle sechs Merkmale in ausgesprochen starker Ausprägung erfüllt: Mitgefühl scheint ihm fremd, er stiehlt und mordet mit schockierender Gleichgültigkeit. Die Missachtung sozialer Normen und Gesetze ist sein erklärtes und handlungsleitendes Ziel. Trotz seiner auffallenden Gleichgültigkeit gegenüber anderen, gelingt es ihm problemlos, immer wieder Menschen für sich und seine Zwecke zu gewinnen und auszunutzen. Seine scheinbare Gelassenheit entpuppt sich schnell als Fassade, wenn etwas nicht nach Plan verläuft (z.B. als der Fernzünder für die Krankenhausbombe nicht gleich funktioniert). Dann reagiert er überaus impulsiv und aggressiv. Indem der Joker sich selbst zum quasi übermenschlichen Chaosprinzip erklärt, erhebt er sich über jegliche Schuld. Bestrafungen nimmt er bereitwillig in Kauf, als Gelegenheit, anhand seiner Gleichgültigkeit die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Die Rationalisierung des eigenen Verhaltens ist eine wahre Königsdisziplin des Jokers, der es immer wieder schafft, sich selbst als letztlich unausweichliche Konsequenz latenter gesellschaftlich-moralischer Missstände zu stilisieren und damit selbst den vormals so rechtschaffenen Staatsanwalt Harvey Dent für sich einzunehmen.

Wenn der Joker nun, trotz seiner Persönlichkeitsstörung, auch nur ein Mensch ist, stellt sich unweigerlich die (bei weitem nicht nur) psychologisch höchstinteressante und –relevante Frage: Bad or mad? Wirkt im Verhalten des Jokers ein ursächlich Böses als primäre Antriebskraft, oder ist es trotz allem als pathologisch-paradoxer Versuch zur Erfüllung basaler menschlicher Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Sicherheit und Annahme zu verstehen?

Vieles spricht für Letzteres. Während die obengenannten Grundbedürfnisse evolutionsbiologisch nach wie vor essenziell bedeutsam sind, hat ein primärer, nicht der Selbstverteidigung (und damit wieder der eigenen Sicherheit) dienender, Aggressionstrieb keinerlei Nutzen, ist folglich nicht sinnvoll erklärbar. Dagegen liefert die Psychologie mindestens zwei plausible Erklärungen für zunächst völlig irrational und paradox anmutendes destruktiv-aggressives Verhalten: 
  • Als direkte Reaktion auf eigene Kränkung und Frustration, insofern als die Aggression dazu dient, die eigenen negativen Gefühle im Außen bzw. im Gegenüber unterzubringen um sie nicht selbst aushalten zu müssen
  • Als Versuch, in einer als chaotisch und undurchschaubar erlebten Welt, durch Verletzung von Regeln und Normen, Resonanz und Grenzen zu erfahren, in der Hoffnung, dadurch doch noch Orientierung, Halt und somit letztlich Sicherheit zu erleben

Beide Sichtweisen können helfen, das Verhalten des Jokers zu verstehen. Wenngleich wir wenig über seine Vorgeschichte wissen, steht fest, dass er Schreckliches erlebt haben muss.  Zwar ist mindestens eine der beiden Geschichten über seine Verstümmelung gelogen, diese selbst bleibt dennoch real. Selbst wenn die konkreten Geschichten beide faktisch unwahr sind, handelt es sich dabei doch um Abwandlungen eines real erlebten Traumas. Möglicherweise ist die Erinnerung daran sogar gänzlich verdrängt und die wechselnden Geschichten sind weniger bewusste Lügen, als vielmehr sogenannte Deckerinnerungen, welche vor der Erinnerung des tatsächlich Erlebten schützen.
Wie dem auch sei, der Joker war einst Opfer und die Opferrolle ist ihm buchstäblich und unwiderruflich ins Gesicht geschrieben. Das erlebte lässt sich nicht verbergen, sondern ist für jedermann jederzeit sichtbar. Worauf er hoffen kann ist allenfalls Mitleid, wahrscheinlicher sind jedoch Ekel und Abscheu. Die Möglichkeit, seine Selbstdarstellung und Position in der Gesellschaft frei zu variieren und selbst zu gestalten ist ihm genommen.
Gut möglich, dass die innere Welt eines so Versehrten sich schließlich aufspaltet in Opfer und (aktiv misshandelnde oder zumindest herablassende und ausgrenzende) Täter. In diesem Fall bleibt die Wahl zwischen dem Ertragen von Schmerz, Scham und Angst oder der Selbstdefinition als Täter, der diese Gefühle anderen zufügt um sie nicht selbst aushalten zu müssen. Diesen Mechanismus, bei dem Gewaltopfer selbst zu Tätern werden, nennt man Identifikation mit dem Aggressor. Der Joker wählt diesen Weg und stilisiert sein eigenes Leid zum Schrecken der Anderen.

Obwohl der Joker damit seine eigene Ausgrenzung aus der Gesellschaft zementiert, bleibt ein unterschwelliger Bindungswunsch doch wahrnehmbar. Deutlich zeigt er sich in der Beziehung zu Batman. Wir dürfen dem Joker glauben, dass er Batman nicht töten will. Tatsächlich findet er Erfüllung (vermutlich nur) im Katz-und-Maus-Spiel mit diesem. Durch sein eigenes abnormes Verhalten sichert er sich dessen volle Aufmerksamkeit und intensive Zuwendung.

Die Regeln und Autoritäten der Gesellschaft konnten den Joker damals nicht vor seinem schrecklichen Schicksal bewahren, weshalb er ihnen zutiefst misstraut, sie verachtet und ihnen ihre Unzulänglichkeit immer wieder beweisen muss. Doch dann ist da Batman, eine neue, größere, stärkere und unmittelbarere Autorität. In ihm bestätigt sich das Versagen der alten Ordnung. An ihn knüpfen sich die Hoffnungen derer, die von dieser enttäuscht wurden. Und so kann auch der Joker seine Faszination für Batman nicht verbergen. Seine Aufmerksamkeit zu erlangen treibt ihn an. Ihn verachtet er nicht, sondern sucht seine Augenhöhe. Von ihm will er gesehen werden, selbst wenn dies Bestrafung bedeutet. Ein Kampf auf Leben und Tod mit Batman ist ihm lieber, als jede erdenkliche Wohltat, als Reichtum und Macht sowieso.
Dahinter steht die Hoffnung, in Batman endlich jemanden gefunden zu haben, der stark genug ist, das Chaos, welches das Leben des Jokers vor langer Zeit so unfassbar grausam heimgesucht hat, in Ordnung zu bringen. 

Alfred mag recht haben: Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Tatsächlich aber wünschen sie sich verzweifelt, dass spätestens dann endlich jemand auftaucht, der imstande ist, das Feuer zu löschen.

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