Rambo I-IV: John Rambo


John J. Rambo ist ein hochdekorierter Veteran des Vietnamkriegs, jenem Krieg, in dessen Folge durch die psychologische Erforschung der Traumafolgeerkrankungen der heute gültige Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, englisch: Posttraumatic Stress Disorder PTSD) eingeführt wurde.

Wie viele seiner Kameraden (und Generationen von Soldaten davor und danach) leidet auch Rambo nach seiner Heimkehr unter dieser Störung, die nach ICD-10 (F43.1) durch die folgenden Kriterien definiert wird:
  • Der Betroffene war (kurz oder lang anhaltend) einem belastendem Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde
  • Es müssen anhaltende Erinnerungen an das traumatische Erlebnis, oder das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (z. B. Flashbacks), oder eine innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder damit in Zusammenhang stehen, vorhanden sein
  • Der Betroffene vermeidet (tatsächlich oder möglichst) Umstände, die der Belastung ähneln
  • Sowie entweder: Eine teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an einige wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern, und/oder:
  • Anhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung, z. B. erhöhte Schreckhaftigkeit, Hypervigilanz, Reizbarkeit und Wutausbrüche

Belastende Ereignisse von außergewöhnlicher Bedrohlichkeit dürfte Rambo während seines Einsatzes zur Genüge erlebt haben, zumal er neben der aktiven Teilnahme an Kampfhandlungen auch Gefangenschaft und Folter ertragen musste.
Die aufdrängenden Erinnerungen an das Trauma, sowie massive innere Bedrängnis, werden bei Rambo durch die erneute Gefangenschaft, diesmal im kleinstädtischen Polizeirevier, hervorgerufen. Insbesondere erlebt er Flashbacks, d. h. blitzartig einschießende Erinnerungen an traumatische Situationen, inklusive der dazugehörigen Bilder und Emotionen.
Folglich empfindet Rambo den typischen, übermächtigen Drang, die retraumatisierende Situation zu verlassen, was er genreentsprechend impulsiv umsetzt, indem er sich seinen Weg aus der Arrestzelle freikämpft, womit auch die Frage nach Reizbarkeit und Wutausbrüchen bereits beantwortet wäre.
Ob Rambo sich an Teile des erlebten nicht mehr erinnern kann, wissen wir nicht. Zumindest scheint er die dazugehörigen Emotionen zunächst gut verdrängt zu haben, bis sie durch die erneute Gewalterfahrung wieder aktiviert werden.
Deutlich können wir jedenfalls Hypervigilanz (d. h. gesteigerte Wachsamkeit) und erhöhte Schreckhaftigkeit beobachten, wenn Rambo, einem Wildtier gleich, in sekundenschnelle das Bedrohungspotential einer Situation erfasst und instinktiv blitzschnell mit Kampf- oder Fluchtbewegungen reagiert.

Rambo ist also schwer traumatisiert. Umso mehr muss man sich fragen, warum er sich immer wieder selbst in Situationen bringt, die ihn mit Gewalt, Krieg und Tod konfrontieren und damit sein Trauma reaktualisieren, was auch als Wiederholungszwang bezeichnet wird.
Schon zu Beginn des ersten Films scheint er nicht in sein altes Leben (auf der Ranch seines Vaters) zurückkehren zu wollen. Stattdessen sucht er auch in der Heimat den Kontakt zu den Kriegskameraden (die aber alle bereits tot sind).
Bereits auf die erste (noch recht harmlose) Feindseligkeit des Sheriffs reagiert er passiv-aggressiv indem er sich ihm provokativ widersetzt. In den drei Fortsetzungen lässt er sich zwar jeweils nicht sofort zum kämpfen überreden, findet dann aber doch immer recht schnell Gründe, um wieder in den Krieg zu ziehen.

Um Rambos Verhalten zu verstehen, müssen zunächst die psychischen Mechanismen der Traumabewältigung erörtert werden:
Rambo erlebt in der Kriegsgefangenschaft Dinge, die psychisch kaum zu verarbeiten sind. Wahrscheinlich werden die schier unaushaltbaren Gefühle von Todesangst, Schmerz, Verzweiflung und auch Hass schon während der Traumatisierung abgespalten. Das bedeutet, sie werden so erlebt, als gehörten sie gar nicht zu dem jungen John J. Rambo aus Bowie, Arizona, der sie auch kaum überleben könnte. Im unbewussten Teil der Psyche entsteht eine abgespaltene zweite Entität, die auf sich nimmt, was das Ich nicht tragen kann. Diesen Vorgang nennt man Dissoziation.
Colonel Trautman bringt es, leider recht unkritisch, auf den Punkt: Rambo sei „ein Mann, der darauf trainiert ist, keine Schmerzen zu fühlen, der sie verdrängt... In Vietnam konnten Rambo und ich uns Emotionen nicht leisten.“
Dabei scheint er Schuldgefühle angesichts seiner eigenen Verantwortung für Rambos wiederholte Traumatisierung narzisstisch abzuwehren: „Gott hat Rambo nicht geschaffen, ich habe ihn geschaffen.“
Doch zurück zu Rambo: Die dissoziierten Anteile sind, wie gesagt, zunächst einmal unbewusst. Dadurch kann das Ich im Allgemeinen weiter funktionieren, ohne permanent durch das Trauma und die dazugehörigen Affekte gestört zu werden. Das funktioniert aber nur solange, wie die unbewussten Inhalte nicht durch Auslösereize (bei Rambo zum Beispiel Rasiermesser, Gitterstäbe, Schusswaffen) ins Bewusstsein gerufen (getriggert) werden, was sich dann beispielsweise in Form von Flashbacks zeigt. Dann nämlich fühlt sich Rambo unmittelbar in die traumatische Situation zurückversetzt und mit den existenziellen Ängsten konfrontiert.

Damit das Ich vor diesen überwältigenden Affekten nicht kapitulieren muss, kommt nun ein weiterer Abwehrmechanismus zum Tragen, der bei Rambo besonders stark ausgeprägt ist: Die Identifikation mit dem Aggressor.
Statt sich Krieg und Folter hilflos ausgeliefert zu fühlen, wie es real der Fall gewesen ist, identifiziert sich Rambo mit den Kriegern und Folterern, ja mit dem Krieg selbst.  Im vierten Teil der Reihe kann er dies bereits benennen: „Du hast erkannt, wer du bist, woraus du gemacht bist. Krieg hast du im Blut. Wenn man dich dazu zwingt, ist Töten so einfach wie Atmen“ (Wobei letzteres, im Falle starker Angst, so leicht gar nicht ist). Die Macht seiner Gegner macht sich Rambo identifikatorisch zu eigen, seine Todesangst projiziert er auf die Feinde zurück.  Da er in der Tat ein überaus begabter Kämpfer ist, gelingt es ihm auch immer wieder, die innerpsychischen Abwehrmechanismen handelnd in der Realität umzusetzen. Somit wird das Selbstbild der Kriegsmaschine durch die Zuschreibungen der Anderen, die ihn real fürchten müssen, oder ihn, wie Trautman, nur um seiner Kampfkraft willen respektieren, verfestigt.

Folglich ist der Krieg Rambos Weg, nicht an seinen eigenen Ängsten zugrunde zu gehen. Und es sind sehr menschliche Ängste, z. B. vor Ausgrenzung und Einsamkeit (Teil 1), vor dem Verlust von Freiheit (Teil 2), vor dem Tod eines engen Freundes (Teil 3) oder einer heimlich geliebten Frau (Teil 4), die ihn immer wieder zur Kriegsmaschine werden lassen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo ...

Ich suchte nach einer Charakterisierung über Rambo und landete auf deiner Seite.

Glückstreffer. :)

Ich hoffe, es folgen weitere Texte.

Lieben Gruß,
R.

Anonym hat gesagt…

Sehr coole Analyse. Habe mich mit Rambo erst beschäftigt als ich einen Blog über Messer (und Rambo-Messer: http://ueberlebensmesser.info/rambo-messer/) aufgebaut habe. Sehr tiefe Filme sind das aber.

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