Die Wand: Die Frau

In der österreichisch-deutschen Romanverfilmung "Die Wand" von 2012 wird die namenlose Protagonistin durch eine unsichtbare Wand von der menschlichen Außenwelt abgetrennt. Diese ist zwar für sie sichtbar, allerdings wirken die Menschen jenseits der Wand wie eingefroren. Doch auch wenn sie das nicht wären, schiene eine Kommunikation durch die vollständig schalldichte Wand verunmöglicht.

Die unsichtbare Wand inmitten einer ansonsten realistisch anmutenden österreichischen Bergwelt kann metaphorisch verstanden werden, als unsichtbares, nicht rational greifbares Hemmnis der Kommunikation mit anderen Menschen. Ähnlich der zunächst gegen ihren Willen isolierten, sich dann aber zunehmend mit der Situation arrangierenden, Protagonistin, können wir uns das innere Erleben von Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung vorstellen.
Diese ist in der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10: F60.1) beschrieben als überdauerndes Erlebens- und Verhaltensmuster, das gekennzeichnet ist durch:
  • Rückzug von affektiven, sozialen und anderen zwischenmenschlichen Kontakten
  • einzelgängerisches Verhalten und in sich gekehrte Zurückhaltung
  • übermäßige Vorliebe für Phantasien
  • begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu erleben 

Diese zurückgezogene Isolation ist, auch das wird im Film deutlich, zunächst einmal nicht selbst gewählt. Die Protagonistin befindet sich eingangs in Gesellschaft eines Paares im Alter ihrer Elterngeneration. Wenngleich die vollständige Isolation hier noch nicht stattgefunden hat, ist bereits Kommunikation mit diesen Elternfiguren spärlich. Die Protagonistin wirkt still, in sich gekehrt und in ihre eigenen Gedanken versunken.
Ein Kind, welches von seinen Eltern keine (oder, was ebenfalls denkbar wäre, nur beängstigende) Ansprache erfährt, wird sich eventuell ebenso in eine innere Welt zurückziehen und diese, wie für die schizoide Persönlichkeitsstörung charakteristisch, fantasievoll ausgestalten, um dort Anregung, Ansprache und Emotionalität zu erleben.
Im Film wird dies vor allem durch die Haustiere veranschaulicht, die der Frau nach und nach zulaufen, was unter der abgeschlossenen Glasglocke recht unwahrscheinlich anmutet. Auch der weiße Rabe steht für die kreative Ausgestaltung der eigenen Erlebniswelt. Nach und nach werden den Tieren von der Frau immer menschlichere Eigenschaften zugeschrieben, was nur allzu verständlich ist und verdeutlicht, wie der fehlende emotionale Kontakt zu anderen Menschen in der Innenwelt zu ersetzen versucht wird.

Dass es sich bei diesem Rückzug nach innen, bzw. in ein zunächst friedvoll-beschauliches Naturidyll, nicht um eine selbstgenügsame, meditative Rückbesinnung auf das Wesentliche handelt, um eine letztlich willkommene Entschleunigung und Entsagung der ohnehin rauschhaft-oberflächlichen Menschenwelt oder ähnliches, lässt sich daran erkennen, dass die Frau, ebenso wie Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung, innerlich und äußerlich zusehends verhärtet, man könnte fast sagen: Versteinert. Der Tonfall ihrer Berichte (die sie im dritten Jahr der Isolation zu schreiben beginnt) ist monoton, emotionslos, unbeteiligt. Am Schreiben selbst hat sie keine Freude, empfindet es, wie fast alles in ihrem täglichen Überlebenskampf, als schiere Notwendigkeit.

Wenngleich also die äußere Isolation und der innere Rückzug der Frau nicht selbst gewählt sind und sie emotional zunehmend verkümmert, arrangiert sie sich resignativ und relativ klaglos mit der nicht zu ändernden Situation und entfremdet sich dabei zwangsläufig immer weiter von der Welt der anderen Menschen.
Die Entfremdung ist dabei eine gegenseitige: Der schizoide Mensch wirkt auf die Außenwelt eigenartig, skurril und an allem zwischenmenschlichen desinteressiert. Gleichzeitig erscheinen deren Konventionen, Werte und Maßstäbe für ihn, den Ausgeschlossenen, unverständlich, willkürlich und mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmend überfordernd und potentiell bedrohlich.
Für diese letztlich vollendete Entfremdung von der Menschenwelt, steht im Film das Aufeinandertreffen mit dem Mann: Für die Frau wirkt er chaotisch brutal, maximal bedrohlich, ohne Sinn für die Erhabenheit ihrer Natur- und Tierwelt. Nach den Jahren der erzwungenen Isolation, erscheint ihr der erste Mensch, mit dem sie in Kontakt kommt, als fremd und gefährlich – und damit die Sicherheit ihrer Einsamkeit als die erträglichere Alternative.
Indes kann der Mann auch anders gesehen werden. Möglicherweise hat er sich im Wald verirrt und tötet den Stier aus verzweifeltem Hunger und den Hund aus Notwehr. In seiner Welt könnte ein Rind vielmehr ein Nahrungsmittel als ein Freund sein, von der besonderen Beziehung der Frau zu ihren Tieren kann er nichts wissen – und würde sie womöglich auch nicht verstehen können.
So endet der erste menschliche Kontakt seit Jahren in einer Tragödie, da die Frau den Menschen so fremd geworden ist, dass einer kommunikativen Verständigung und gegenseitigem Verstehen inzwischen jede Basis fehlt.

Der Film "Die Wand" bietet hierfür keine Lösung an und tut daran gut, denn auch in der Psychotherapie gilt die schizoide Persönlichkeitsstörung als schwer behandelbar. Dies liegt jedoch nicht daran, dass die Störung (und die nicht selten auftretenden komorbiden Folgestörungen wie Ängste oder Depressionen) nicht behandelbar wäre, sondern vielmehr daran, dass für die Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Unterstützung ein Mindestmaß an Hoffnung darauf, von anderen Menschen doch noch Hilfe und Zuspruch erfahren zu können, erhalten sein muss.
Falls dieses gegeben ist (oder geweckt werden kann), kann eine vorsichtige Wiederannäherung im Rahmen der therapeutischen Beziehung erfolgen, sofern es dem Therapeuten, anders als dem Mann im Film, gelingt, Respekt für die Leistung des schizoiden Menschen aufzubringen, sich über Jahre hinweg mit einer für die meisten Menschen als unaushaltbar erlebten Situation bestmöglich arrangiert zu haben.

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